Sexualität im Alter und insbesondere in Verbindung mit Demenz ist nach wie vor ein großes Tabuthema. Für Menschen mit Demenz ist der Umgang mit Ihrer Sexualität besonders erschwert. Verhaltensstörungen bei Demenz sind aufgrund eines Kontrollverlustes nicht selten und das betrifft auch die Sexualität.

Einige Demenzkranke verlieren gänzlich das Interesse, bei manchen bleibt das bisherige Verlangen nach Sexualität erhalten, andere haben sogar ein gesteigertes sexuelles Bedürfnis.

Auch unpassendes Sexualverhalten ist möglich. So kann das Demenzleiden zum Beispiel zu einer sexuellen Enthemmung führen. Dabei zeigen die Betroffenen ein unangemessenes Sexualverhalten und onanieren zum Beispiel in der Öffentlichkeit. Passiert dies, so leidet nicht nur die erkrankte Person, sondern auch die Familie und andere Nahestehende.

In der häuslichen Pflege, die meist von Ehepartnern, Kindern oder Enkelkindern erbracht wird, werden die Pflegenden manchmal mit Situationen konfrontiert, die überfordern, erschrecken oder irritieren.

 

Zunächst andere Bedürfnisse, aber auch Erkrankungen ausschließen

Bevor Sie an ein übermäßig gesteigertes Sexualverhalten denken, wenn sich Ihr demenzkranker Angehöriger ständig zwischen die Beine greift, sollten Sie vom Arzt abklären lassen, ob eine Blasenentzündung oder Pilzinfektion vorliegt. Durch Schmerzen oder Juckreiz kommt möglicherweise zu einer ähnlichen Handlung. Wenn sich der Demenzkranke nicht mehr verbal äußern kann, muss er seine Beschwerden durch Gesten verständlich machen.

Auch bestimmte Medikamente können zu unangemessenen sexuellen Handlungen bzw. Verhaltensweisen der Betroffenen führen, was mit dem Hausarzt abzuklären wäre.

Außerdem ist zu berücksichtigen, dass beispielweise Gesten eines Demenzkranken, die auf den ersten Blick nach sexuellem Verlangen aussehen, möglicherweise eine ganz andere Bedeutung haben. Greift sich zum Beispiel eine demenzkranke Person zwischen die Beine, so kann dies auch ein Zeichen sein, dass sie zur Toilette muss.

 

Klären Sie alle Kontaktpersonen auf

Wenn der Pflegebedürftige sich beim Treffen mit Freunden oder Bekannten unangemessen verhält, seien Sie offen und erklären Sie ihnen, dass die sexuelle Enthemmung mit der Demenzerkrankung zusammenhängt. Da er seine Gefühle nicht steuern kann, sollte das Verhalten nicht moralisiert werden. Versuchen Sie den an Demenz erkrankten Menschen abzulenken.

 

Sexuelle Enthemmung anders bewerten und Perspektiven wechseln

In den meisten Situationen kann auch der Versuch eines „Perspektivwechsels“ scheinbar sexuell aufgeladene Situationen entspannen. Wenn sich beispielsweise ein Demenzkranker im Speisesaal einer Einrichtung entkleidet, kann man sich (und mitunter auch den Betreffenden selbst) fragen, wo dieser glaubt sich momentan zu befinden. Denn unter der Vorstellung, auf der Toilette, im Schlafzimmer, am FKK-Strand oder in einer Arztpraxis zu sein, kann das Verhalten durchaus passen. In einem solchen Fall würde es möglicherweise mehr helfen, die örtliche Orientierung des Kranken zu verbessern, statt seine „Hypersexualität“ zu bekämpfen.

Ebenso verhält es sich mit enthemmten Verhalten, wie beispielsweise das Masturbieren in der Öffentlichkeit. Ein in anderem Kontext normales Verhalten (in der eigenen Wohnung ohne Zuschauer) wirkt nun oft nur deshalb unmoralisch und störend, weil es nicht mehr „diskret“ vorgenommen werden kann.

Jedoch gilt es auch die dabei entstehenden positiven Effekte für den an Demenz erkrankten Menschen zu beachten. So kann sexuelle Erregung innere Unruhe und Langweile beseitigen. Sie wird manchmal eingesetzt, wenn die Umgebung keine interessanteren Reize und Einladungen bietet. Durch Masturbation kann sich auch ein Demenzkranker selbst regulieren und Kontrolle über sein Befinden erlangen. Wer masturbiert, erlebt sich dabei als „Mann“ oder „Frau“ und wird sich damit möglicherweise seiner Identität bewusst. Mancher fühlt sich dadurch „lebendig“.

Umgang mit gesteigertem sexuellen Bedürfnissen

  • Ruhe bewahren

  • Respektvoller Umgang

  • Keine Vorwürfe oder Bestrafungen

  • Entzug von Beachtung kann das ‚Problem’ noch verstärken

  • Das Geschehen entdramatisieren

  • Ablenkung durch mehr Bewegung

  • Nur im Notfall auf Medikamente zurückgreifen

 

Paarbeziehung demenzkranker Menschen

Ebenso wie bei anderen funktionierenden Fähigkeiten kann man auch eine weiterhin vorhandene „sexuelle Kompetenz“ wertschätzen und sich mit dem Kranken daran erfreuen, dass es in der Sexualität noch Beziehung und Gemeinsamkeit gibt. Zärtlichkeit und Körperkontakt sind für an Demenz erkrankte Menschen besonders wichtig, denn die Fähigkeit zu sinnlicher Kommunikation bleibt sehr viel länger erhalten als die sprachliche Kompetenz.

Gelungene Begegnungen können nachhaltig entspannen und zufrieden machen (auch den gesunden Partner). Denn selbst wenn die Erinnerung nach einer sexuellen Begegnung bei an Demenz erkrankten Menschen vielleicht rasch verblasst, kann eine positive Stimmung durchaus länger anhalten.

Gesunden und verantwortlich denkenden und handelnden Partnern gilt es die Sorge zu nehmen, dass sie bei sexuellen Begegnungen den Kranken „missbrauchen“. Folgende Überlegungen können bei dieser Sorge helfen: Ehe und Liebe enden nicht mit dem Eintritt einer Demenz. Sexualität zwischen Erwachsenen ist kein Rechtsgeschäft, sondern eine intime „Begegnung“. Solange der Demenzkranke zu „Begegnungen“ in der Lage ist und nicht dazu gezwungen wird, schließt dies einen „Missbrauch“ eher aus. Grundsätzlich gelten die gleichen Prinzipien wie vor Eintritt der Demenz: Es kommt immer auf den natürlichen Willen beider Partner an. Soweit der demenzkranke Partner weiterhin zu verstehen gibt, dass er sexuellen Verkehr wünscht und genießt, sind keine ethischen oder rechtlichen Probleme zu erwarten. Ein entgegenstehender Wille des Partners ist auf jeden Fall zu akzeptieren.

Demenzerkrankte leben oft in einer Welt, in der sie sich in der Blüte ihrer Jahre befinden, sich Dinge zutrauen, zu denen sie in Wirklichkeit nicht mehr fähig sind – oder sich in Wahrheit gar nicht mehr wünschen. Dennoch stellt sich die Frage – und die kann nur jeder für sich beantworten: „Welche Rolle spielt die Sexualität im Leben ihrer Paarbeziehung?“ Das Bedürfnis nach Nähe, Zärtlichkeit kann etwas Elementares sein. Vielleicht ist es die einzige Form, sich noch zu spüren, sich nahe zu sein, Vergangenes oder Erinnerungen aufleben zu lassen.

 

 

Quelle: 
Dr. Dr. med. Herbert Mück
Daniela Frielingsdorf –Witt
Antonia Scheib-Berten